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„Die rissigen Stuckfassaden erzählen von vergangenem Glanz. Ein Liebespaar in Schwarz sitzt am Rinnstein in der Sonne und trinkt Bier. Hinter ihnen eine türkische Frau mit schweren Tüten voller Gemüse. Kinder hüpfen auf einem Autowrack. Punks mit steilem Irokesen schwingen auf dem Bürgersteig in gefährlicher Pose eine Fahrradkette. Auf einer Backsteinmauer liegt der lange Schatten eines alten Mannes. Verblasste Ladenaufschriften und gesprühte Parolen wirken wie Untertitel.

Wolfgang Krolows Kreuzberger Fotografien aus den 70er- und 80er-Jahren sind poetische Momentaufnahmen eines Stadtteils und seiner Bewohner aus einer Ära, die zwischen Verfall und Utopia changierte. In ihrer künstlerischen Kraft und Lebendigkeit sind sie vergleichbar mit den Fotografien des Parisers Robert Doisneau, der in den 50ern mit ähnlich prägnantem Blick für Menschen und Situationen das Boheme-Quartier Montmartre portraitierte. Auch Krolows Bilder haben eine klassische, zeit- und ortlose Qualität. Lebenslust und Vergänglichkeit, Spiel und Widerstand, Liebe, Einsamkeit, Wut und Fremdheit sind die Emotionen, die die subtilen Schwarzweißfotos untergründig bestimmen. […]

Schnell landete er in Berlin-Kreuzberg bei den politischen Außenseitern und radikalen Träumern, die der bundesrepublikanischen Normalität entfliehen wollten und ein lebendigeres, solidarischeres Leben suchten. In den heruntergekommenen, grauen Vorderhausfluchten und Hinterhauswohnungen mit Außenklo und Ofenheizung fanden damals viele ihr Paradies, das ein exotisches und selbst bestimmtes Leben in extremer Inselrandlage verhieß.

In dieser verfallenden Gründerzeitpracht findet Krolow die Kulisse für das Neben- und Miteinander der unterschiedlichen Lebenswelten. In einer rauschhaften Produktivität porträtiert er den Bezirk im Schwebezustand zwischen Abriss und behutsamer Stadtentwicklung. Ob türkische Frauen aus der ersten Generation der Immigranten, Kinder, deutsche Rentner, arabische Jugendliche, Punks – Krolow kommt in Kontakt mit allen und erhält Zutritt zu Moscheen, Koranschulen, Hausbesetzerwohnungen. Die Spannung zwischen den diversen Atmosphären wird für seine Arbeit wesentlich. Er nimmt den ungestümen Rhythmus einer lebendigen Kultur- und Politszene auf und kreiert mit seinen Fotos eine eigene Ästhetik des Kreuzberger Widerstands diesseits von Klischee oder Mythologisierung.“

— Edith SiepmannTAZ, 29. September 2007

 

 

„Das ganze ‚Instandbesetzer Bilderbuch‘ ist der Katalog einer gesammelten Gegenästhetik; es ist aber auch ein Zeitdokument, das die Befindlichkeit und die gesellschaftspolitische Überzeugung der Besetzerbewegung sinnfällig macht. „Gegen das Schweinesystem“ (Krolow), anders sein, anders leben, lautet die Devise, die hier vor allem ästhetisch vermittelt wurde. Der Bildband vermittelt den Glauben an eine Utopie, zumindest in Kreuzberg „allgemein linken Konsens“ herstellen zu können (Krolow). Die vielen abgebildeten bunten Besetzerhäuser die zahlreichen Bilder von Demonstrationen und politischen Maximen zeigen in ihrer Ansammlung auch: Hier tut sich was, hier ist etwas in Bewegung, hier ist etwas möglich geworden, wovon wir bisher nur zu träumen wagten.“

— Barbara Lang: Mythos Kreuzberg. Ethnographie eines Stadtteils 1961 – 1995, Berlin 1998